Johannes Christian Leonhardi an Johann Jakob Scheuchzer, 13. Februar 1700

"Lettres des Grisons": Wissenschaft, Religion und Diplomatie in der Korrespondenz von Johann Jakob Scheuchzer. Eine Edition ausgewählter Schweizer Briefe (1695–1731), ed. von Simona Boscani Leoni, République des Lettres 2019
ID 18065
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Excell[entissi]me Celeberrimeque Do[min]e p. S.

Gester habe die Historiam Natur[aturalem] Helv[etiæ] Wagneri (für weliche höchsten danck sage)/ mit Mhghrn: D.ris werthesten schreiben vom 19. Jan: zu recht erhalten, obiter durchgelesen,/ und volgende sachen observirt

1. ist mir das wort Canum. p. 5 et p. 119 beinahen frömbd vorkommen; dann wenn von/ den grauwpündtneren ins gemein geredt wird, werden sie Grisones, oder Grisoni, genennet./ Wann aber von dem Oberen oder grauen Pund à parte geredt wird, so wird er, heut zu tag/ insonderheit, und in unsere Legibus Synodalibus, Fœdus Griseum; und nicht Canem genennet;/ und die Pundßschreiber werden Fœderis Grisei, und nicht Cani, Cancellarij intitulirt.

2. So komt auch das wort Catholicum, wann vom Gottßhaußpund geredt wird pag. 105

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./ vilen frömbd vor: und kan an statt dessen das bekante und gemeine wort Cathedra-/le, ich sage Cathedrale, vil besser gebraucht werden, weilen es bekant, und gebraucht -

3. Gar wol hat Paracelsus die Acidulas S. Mauritianas, pr Acidulis Göppingensibus/ præstantiores. p. 105

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. nennen können: dann ich habe selbige auch A°. 1692. d. 25. Julij, (an einen sehr schönen, hellen, und warmen tag; an welichen sie an allerkräfftigist sind) beÿ den röhren selbsten, zu Göppingen, getrunken; und in meinem Reÿßbüchlein / dises annotirt: Ubi, namlich zu Göppingen: Acidulas St: Mauritianis minimè pares gustavi.
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/ Ich habe ex ipsis fontibus an beiden orten (zu Göppingen und St: Mauritz) getruncken / aber einen grossen underscheid am gschmack, an der rässe, und an der frische gefunden.-

4. Der einte brunnen supra Curiam in pratis montanis (pag. 106) were beÿ Prada

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,/ wol zu finden: dann mir meine zuhörer (alß ich An: 96. im januario und Febr:/ kranck lag, zu Tschierschen) von einem brunnen, so ein 1/4. stund under/ Prada, oder Pratum (weliche Kirche auch von dem pfhrn: zu Tschiertschen versehen/ wird) zu finden, wasser gebracht, so auch zu der zeit parum acidum war./ Hatte mir vorgenommen im frühling desselbigen jahrs den brunnen zu suchen, ist aber / nicht geschehen, weilen ich hieher berufft worden etc.:

Was den anderen anbelanget, könte fillicht eben der seÿn dessen dessen pag. 105./ sub finem gedacht wird; welcher aber nicht ad Plessuram, sonder ad Rabiosum,/ Corvantiorum

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(dessen pag. 78. gedacht wird
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) gelegen.- Oder, so ein / ander were, könte er fillicht durch etwann ein rüssi undergelegt worden/ seÿn – oder villicht auch noch in seine esse seÿn, aber von den/ Einwohneren, weilen er etwan in einen tobel, oder sonsten abgelegenen ort,/ nicht beobachtet werden – wie mit dem Sertiger – und Cernetzer – pag. 120./ und auch Luzeiner pag. 127. (von welichen ich bißher nichts gehört) und von/ anderen mehr geschehen kan. Dann ich halte darfür daß wann mann unsere/ bergen, thäler, und töbel genau durchsuchen wurde, so wurde mann auch under-/schiedenliche nutzliche brunnen, und kostliche mineralia finden, welche bißher/ unbekant gewesen./
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5. Scollium, dessen pag. 129. gedacht wird, ist wol Vicus Engadinæ Inferioris

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,/ aber Taraspum nicht; ja Taraspum gehört nicht zu den 3. Pündten; hatt / auch nicht die Engadiner Romanische Sprach; sonder die teutsche – und ist Papi-/stischer relig: Ich vermeine es gehöre nacher Ÿnßbruck – doch kan ich / nicht grundlich sagen – wil mich grundlich informiren lassen.
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NB. Das wort Engadina, hatt der beruhmte hr: Businus selig allezeit in seinen/ fürtrefflichen Versen, Œngadina geschriben, und gesagt es komme vom teutschen/ her: weilen der Œnus, Ÿn, da eingehe, oder seinen eingang habe.


6. Von den mure montano, wird niemand von unseren leuthen glauben daß ein/ animal seÿe ex mele
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et sciuro
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natum
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. pag. 179
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. und auch nicht, daß es nullo/ modo excitari queat
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; dann die experientia
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lehret daß es excitari queat
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;/ doch über den winter schläfferig und schlummerig bleibe, und bald entschlaffe./ Wie ich denn selber beÿ einem meiner zuhöreren ein soliches Murmelthier-/lein, im winter gesehen, und auff meine arm gehabt, so ganz zahm war etc./ Könten also die wort: ne dissectus quidem ullum sensûs aut motûs alicujus/ exhibet indicium. pag. 179. außgelassen werden.-

7. Von der Glorien (terpentin) ist auch zu wüssen, daß selbige nicht auß/ allen, sonder nur auß alten; und nicht an morastigen, feißten, und/ schattächtigen, Sondern an steinächtigen, harten, und Sonnächtigen orten/ gelegenen lerchen, nur zur heissesten zeÿt (wie vor disem aus dem bericht des hrn: Martini P. Nicolai gemeldet) fliesse. ad pag. 297.

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8. Creta alba ist auch im Fillisurer territorio, beÿ dem wasser so/ ob Dawos herä herabfließt, under einen grossen felsen, in zimlicher/ quantitet zu finden. pag. 339.

9. Gÿps ist beÿ Tieffencasten, und an anderen orten, in Pündten,/ vil und gut - zu finden. 339.

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10. Von denen Metallis so in Pündten zu finden weren, könte ein ganzes tractätlein/ gestelt werden – Ich aber (sincerè zu reden) melde nicht geren weitläuffig hier-/von, wegen mehr underschiedlichen ursachen die ich etwann ein mal,/ so es Gott gefelt, mundlich weitläuffiger bedeuten wil. p. 346. 352

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11. Vom igne lambente, von der streiffenden oder lächzenden flamm

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, hatt mir/ einer meiner zuhöreren Peter Meili, vor etlichen tagen erzellet: Er, und seine/ Mitgespän, so vom Bernardiner Berg, Käß od und Korn führeten den 2./ oder 3. januarij, in disem jahr; haben etwan ein ¼. stund von hier, in der/ nacht, eine soliche streiffende oder lächzende flamm, under, ob, und beÿ/ ihnen gesehen; also daß underweilen geschinen daß ihre ochsen oder/ stier brennen: Er selber, benamseter Peter, sagt: Er habe vermeint/ sein hut brenne, und habe mit der hand darnach gegriffen, aber kein/ hitz empffunden etc. und dises ist eben geschehen cum ventus esset/ vehemens et ningeret
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– auch ungefehr horâ 7. Vespertinâ
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- p. 35.

12. Die Procellæ thund hier in diser landschafft beinahem alle/ jahr grossen schaden – wie dann eben in disem jahr, im jan[]/ mann soliches an underschiedenliche grosse hoche dicke tannen/ (weliche theils im mitten von einander gebrochen, und theils radicitus

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/ außgerissen) und an underschiedenliche mit schweren platten/ bedeckten tächeren zu sehen.


Mein schreiben vom 17. und 19. jan: hoffe seÿe wol überlifferet --

Verlange keine andere satisfaction von der lästerenden zungen- weilen mein/ gewüssen mir satisfaction gnug gibt - und weilen einer der vor-/nemsten geistl: hrn: in unserem Land, welichem ich dises vertraulich (ohne/ benamsung einiger person) geklagt, mir also antwortet und rathet: os viru-/lentum, preces tuas virulentas dixerit: linguâ non Pentecostali, sed ge-/hennali igne æstuans: attamen in præsens dissimula

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: Mann muß nicht zu/ allen flaügen schlachen. Aquila non capit muscas. hæc ille.
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Daß aber Mhghr: D.r des gebätts, weder in guten noch in bösen gedacht,/ schreibe ich einer gl klugen Politic zu. So die Censur soliches nicht/ wil trucken lassen, bitte mir meine Manuscripta zuruck zu senden./ Gott führe auch das beÿ ihnen zimlich weit außsehende geschäfft an ein/ guts end! und Segne alle gute ratschläg!

Von denen 2. letsteren bögen (ja ersteren); dann sie meinen discoursen/ vorgegangen) wil ich trachten, mit gelegenheit, ein exemplar zu bekommen und zu/ senden. Wil auch den verlangten Crystallen nachforschen./ Hrn: D.ri Picenino congratulire ich, und resalutire ihn auch von hertzen./ Den einschluß recommendire ich caldamente

und verbleibe, nebend frser: begrüsung und samtlicher emp-/pffehlung der gnaden Gottes.

Excell[enti]æ v[ostr]æ
devinct[issi]mus

Leonhardu[s]

Zitiervorschlag

Johannes Christian Leonhardi an Johann Jakob Scheuchzer, 13. Februar 1700, in: "Lettres des Grisons": Wissenschaft, Religion und Diplomatie in der Korrespondenz von Johann Jakob Scheuchzer. Eine Edition ausgewählter Schweizer Briefe (1695–1731), ed. von Simona Boscani Leoni, République des Lettres 2019, https://republique-des-lettres.ch/edition/scheuchzer-korrespondenz/letter/18065.