Johannes Christian Leonhardi an Johann Jakob Scheuchzer, 6. Mai 1700

"Lettres des Grisons": Wissenschaft, Religion und Diplomatie in der Korrespondenz von Johann Jakob Scheuchzer. Eine Edition ausgewählter Schweizer Briefe (1695–1731), ed. von Simona Boscani Leoni, République des Lettres 2019
ID 18073
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Excell[entissi]me Celeberrimeque Do[min]e p.S.

Die exemplaria Historiæ Wagneri habe wol bekommen,/ selbige schon guten hrn: und Fautoribus zugesendet, und werde/ trachten in das künfftige fleissiger, als jezunder etwas/ zeÿt geschehen, Mhghrn: D.ris lobliches dessein, best möglichkeit,/ zu fürderen.

Mein geschribenes tractätlein de Conscientia, bitte ihro Wßht:/ und Gn: hrn: Burgerm:r Mejer, mit versicherung meines ge-/horsamsten respects, zu communiciren; und sie demüthigist zu/ bitten daß sie nur pag: 17.m zu lesen sich würdigen,/ auff daß sie mich desto eher für entschuldiget halten, daß ich/ widerum (conscientiâ actus, DEO et conscientiâ testibus

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) etwas/ von Landßsachen schreiben muß. Denn die sachen/ stehen beÿ uns so gefährlich alß sie immer gestanden, ja alß/ A° 19. da A° 20. die Rebellion darauff erfolget, in/ gar vilen sachen. Es sind grosse mißverständnussen/ zwischen den Pündten, zwüschen den G[e]m[ein]den, zwüschen Geistl:/ und weltliche, und scheinet daß die alte liebe, vertrau-/lichkeit, und auffrichtigkeit, mit der lieben warheit, gerech-/tigkeit, und beschüzung der freÿheit (chere?) auß dem/ land gezogen: darauß nichts anderst als der endliche/ und gänzliche undergang (wo Gott nicht sonderlich wendet) erfolgen kan. Ô DEUS! esto nobis propitius!
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Fürwer, fürwer wann ihr Wßht: und Gn: und die lobl. Stände/ Zürich und Bern, wie auch das Hochw: Ministerium wüßten/ wie die sachen beÿ uns stehen, so wurden sie zu unserer/ und ihrer erhaltung, ernsthaffter zur Mediation treiben:/ ich bin im land, und hab correspondentz mit vilen, von der/ einten und anderen Faction, aber ich hab doch die sachen/ bißhar nicht recht penetriren können, noch auff den grund/ kommen: und jezunder darff ich dem papÿr soliches nicht/ anvertrauen; aber mundlich wolte ich sies auffrich-/tig, und unparteÿsch anzeigen, wann ich nur gelegenheit/ und anlaaß hatte hinunder zu reisen; reisete ich aber/ ohne anlaaß, so sagte der einte oder der andere, ich reisete nur/ der einten, oder der anderen part zu lieb etc:

Dises, was Lippis et tonsoribus notum

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, muß ich melden;/ nahmlich daß hr: Landrichter della Turre hatt auff die G[e]m[ein]den/ des Gr[auen] Pünds
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geschriben daß hr: Hauptm: Frid. Ant: de/ Salis die ererbte freÿheit des gr[auen] Punds Punds zu schwächen/ und an sich zu ziehen trachte etc. etc. wie diser soliches em-/pffinden werde ist leicht zu erachten. Beide haben grossen / anhang in und aussert dem land-

Daß die hhrn: Häupter an die lobl. Ständ geschriben haben, daß/ sie sie berichten sollen was für klägten der Gottßhp: wider/ sie führe, komt vilen in den anderen 2. pündten lächerlich/ vor, dann soliches auß den abscheiden und protocollen/ gnugsam bekant. Daß dise 2. Pündten die Mediation der/ lobl: Ständen so sehr evitiren, ist sich zu verwunderen,/ und justificirt ihre sach nicht. Der grösste vorwand, ist/ die unkostung – Was aber bißhar für unkostung/ ergangen, ist meistens zwüschen dem Gottßhp: und der/ Statt ergangen – Die unkostung der Mediation/ wurde nicht so groß seÿn. Ja durch die währende/ verwirrung leidet der Stand mehr schaden nur in einem/ jahr alß 2. mediationes kosteten.


Hiemit wolte ich ihr Wßht: un[---]
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[gem]üthigist, und umb/ Gottes willen gebetten haben, daß sie doch mit ihrer/ hochen dexteritæd, durch die lobl: Ständ, trachteten/ die 2. pündten fründlich zu persuadiren, daß sie die/ Mediation nicht verwerffeten, sonder auch etwas auß/ ihrem sinn der gemeine ruhe auffopfferten – ein theil der/ unkostungen nur der Mediation nicht anseheten et: Sapienti pauca
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./ Und wann ihr Hochw. hr: Antistes, an den jezigen hrn:/ Præsidem Synodi, hrn: Decanum Grassum – eben das jenige/ was er an hrn: Dec: Wedrosium schreiben wolte, schreiben/ thete, so könten die Gottßhauspündtner Ministri nicht/ sagen es were ein von der Statt Chur, durch/ den hrn: Dec:m Wedrosium erbettener brieff, wie vor/ einem jahr geschehen: und wurde hiemit soliches/ schreiben vil mehr würcken–

Dises ist, was ich auff diß mal, under vilfaltige andere/ Geschäfft, hab schreiben müssen – Bitte soliche ihro/ Wßht: und gn: in meinen nammen, demüthigist zu/ repræsentiren, und unsers Stands erhaltung, wie/ auch meine wenigkeit, zu recommendiren

DEUS nobiscum!

Excell[enti]æ tuæ
devinct[issi]mus

J Leonhardus.


A Monsieur

Monsieur le Docteur

Scheuchzer, mon

tres honore Patron.

à Zurich.

Zu Chur, ihro WolEhrw:

hrn. Schucano, pl.ma cum

salute, recommendirt.

Zitiervorschlag

Johannes Christian Leonhardi an Johann Jakob Scheuchzer, 6. Mai 1700, in: "Lettres des Grisons": Wissenschaft, Religion und Diplomatie in der Korrespondenz von Johann Jakob Scheuchzer. Eine Edition ausgewählter Schweizer Briefe (1695–1731), ed. von Simona Boscani Leoni, République des Lettres 2019, https://republique-des-lettres.ch/edition/scheuchzer-korrespondenz/letter/18073.