Ältere Forschungsgeschichte
Eine eigentliche Beschäftigung mit der historischen Position und Bedeutung von Hallers dichterischem und gelehrtem Werk hat erst relativ spät eingesetzt. Die Literatur des 18. Jahrhunderts war noch von der unmittelbaren Wirkung Hallers geprägt und wesentlich durch die vielen Nachrufe bestimmt.
In der Zwischenkriegszeit erschienen zwei Arbeiten, die Impulse für die späteren Forscher lieferten: Henry Sigerist edierte Hallers Briefe an Johannes Gessner (Sigerist 1923 [1562]) und Stephen d’Irsay schrieb eine geistesgeschichtliche Studie, die insbesondere Hallers wissenschaftliches Verständnis beleuchtete (Irsay 1930 [2505]). Diese beiden Stränge – die Edition von Quellen und die Beschäftigung mit dem wissenschaftlichen Werk – wurden ab den 1940er Jahren weiterverfolgt. Erich Hintzsche edierte Hallers Reisetagebücher (*Tagebuch Studienreise 1942 [26], *Tagebücher 1948 [22]) und eine Reihe seiner Briefwechsel (mit Morgagni, Somis, Caldani und Tissot). Diese Editionsarbeiten wurden fortgeführt von Otto Sonntag (Briefwechsel mit Bonnet, Saussure, Pringle und Werlhof). Wichtige weitere Arbeitsmittel wurden bereitgestellt mit der ersten Bibliographie von Hallers Schriften (Lundsgaard 1959 [1782]), dem Verzeichnis seines Nachlasses in Mailand (Pecorella Vergnano 1965 [1816]) und dem Katalog seiner Bibliothek (Monti 1983-94 [1833]). Es war ebenfalls Hintzsche, der – sekundiert von Heinrich Buess – mit Spezialstudien zu Hallers medizinischem Werk begann. Bald beschäftigten sich andere Forscher nun auch mit seiner Botanik (Zoller 1958 [2936] und Frey 1964 [2916]), seinen allgemeinen Einstellungen zur Wissenschaft (Sonntag 1971 [2568]) oder seiner wissenschaftlichen Prosa (Cetti Marinoni 1984a [2889]). Doch das Hauptaugenmerk richtete sich auf die Medizin und dabei insbesondere auf die Embryologie und Irritabilitätslehre (Duchesneau 1982 [2654], Monti 1990 [2675], Cherni 1998 [2769], *De formatione cordis 2000 [0904]). Daneben wurden aber auch Hallers Rolle als praktischer Arzt (Boschung 1977 [2855], Boschung 1985a [2856]) und Spezialthemen wie seine Sehphysiologie (Beyer 1983 [2803]) oder seine Bedeutung für die Zahnheilkunde (Böddiker 1995 [2887]) und die Gerichtsmedizin (Rohrbach 2002 [2905]) untersucht.
Mit der neuen Beschäftigung mit dem Wissenschaftler Haller wurde das Interesse für den Literaten nicht abgeschwächt, sondern noch vermehrt. Einzelne Gedichte wurden nun detailliert analysiert (Stäuble 1953 [2397]), der philosophische Gehalt seiner Dichtung untersucht (Tonelli 1965 [2517]), die Bedeutung der Literaturkritik erforscht (Guthke 1962 [Guthke 1962 ] [2477], *Guthke 1970 [0245]), sein Denken über Erziehung und Bildung herausgearbeitet (Münger 1971 [2456]), Haller als Dichter neu positioniert (Helbling 1970 [2272]), die Rezeptionsgeschichte seiner Gedichte dokumentiert (Kempf 1986 [2471]) und der gegenwärtige Stand des Wissens präsentiert (Siegrist 1967 [2301]). Mit der gleichzeitigen, aber unverbundenen Erforschung des Literaten und des Wissenschaftlers wurde nun auch augenfällig, dass man der drängenden Frage nach der Einheit im Denken Hallers ausgewichen war. Dieser Frage nahm sich Richard Toellner an, und legte damit nach Stephen d’Irsay die zweite Studie vor, welche versucht, Haller in der Gesamtheit seines Denkens und Wirkens zu erfassen (Toellner 1971 [2515]). Er gibt allerdings zu, dass „angesichts der Größe des Gegenstands und der Weite des Problems meine Arbeit nur eine Vorarbeit für weitergehende Fragestellungen und Forschungen sein kann“ (S. XI).
Hubert Steinke / Martin Stuber, "Albrecht von Haller (1708-1777)", République des Lettres 2024, https://republique-des-lettres.ch/actor/haller.