„Ich erfahre täglich, wie schwer die Arbeit ist, die ich mir fürgenommen habe, die natürliche Merckwürdigkeiten der Schweiz zu beschreiben. Ich muß immer arbeiten, ich muß
zu grossem Nachtheil meiner Hauß-Geschäften, meiner Arzney-Uebung, und mit grossen Unkosten Reisen anstellen; ich muß die Berge besteigen, die Thäler durchwandern, die
Kraft aller Elemente empfinden. Hitze, Frost, Regen, Hagel, Wind und oft die wilden Sitten eines in unbezähmter Freyheit lebenden Volcks, andrer Hindernisse zu geschweigen.
Allein dieses alles kan mich nicht abschrecken. Meine eigene Begierde, der Beyfall und die Aufmunterung von verschiedenen Königl[ichen] und andern Gesellschaften der
Gelahrten, sind mir ein Grund weiters fortzufahren.“
Der da klagte war der berühmte Arzt und Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733), der im Juli 1707 dabei war, wieder zu einer weiteren Alpenreise aufzubrechen. In
dieser Zeit war er zweiter Stadtarzt von Zürich, Kurator der städtischen Kunstkammer und der Bürgerbibliothek und Professor für Mathematik an der wichtigsten Hochschule der
Stadt, dem Collegium Carolinum. Scheuchzer war damals ein big player in der Gelehrten Republik und ist bis heute für seine Arbeiten als
Naturforscher, als Geologe, als Meteorologe und als Pionier der wissenschaftlichen Reise in die Alpen bekannt. Die wichtigsten Akademien der Epoche verfolgten seine
Entdeckungsreisen in die Alpen. Insbesondere war die Royal Society an seinen Beobachtungen und an seinen empirischen Forschungen in den Bergen interessiert: Geologie,
Botanik, Zoologie, Mineralogie, Fossilienkunde, wie auch barometrische Messungen und meteorologische Datensammlung standen im Mittelpunkt des Austausches zwischen dem
Zürcher Gelehrten und seinen englischen Kollegen. Scheuchzers Ziel war eine umfassende Naturgeschichte der alten Eidgenossenschaft zu schreiben, ein Projekt, das neun Bände enthalten sollte. Am Ende seines
Lebens konnte er schliesslich nur sechs Bände davon veröffentlichen: Die ersten drei Bände wurden mit dem Titel Beschreibung der Natur-Geschichten des Schweitzerlands
gedruckt; der Band IV befasste sich mit der Oberflächengestalt seiner Heimat (Helvetiae stoicheiographia, orographia et oreographia, 1716), der fünfte mit den Seen, Flüssen
und Bädern (Hydrographia Helvetiae, 1717) und der letzte mit den Witterungsverhältnissen und den Fossilien (Meteorologia et oryctographia, 1718). In seiner Vorrede zu diesem letzten Band teilte Scheuchzer seinen Lesern mit, er plane noch einen Band über die Pflanzen in der Schweiz (auf Latein redigiert)
und einen letzten über die „Einwohneren Art, Gesundheit und Krankheiten, und wie denenselben insonderheit zubegegnen durch Mittel, so in dem Land selbst wachsen“
vorzubereiten. Zu dieser umfassenden Naturgeschichte der Schweiz, so Scheuchzer, gehörte auch sein Fragebogen, der Einladungsbrief zur Erforschung natürlicher Wunderen, so sich im
Schweitzer-Land befinden (Charta invitatoria auf Latein). Dieser enthält ca. 190 Fragen über alle mögliche Aspekte der Naturgeschichte, der Alpwirtschaft wie auch über die
Alpenbewohner und ihre Beschaffenheit. Fragebogen und Reisen waren die wichtigsten Elemente seiner Strategie, um die möglichst grosse Menge an Informationen, an Beobachtungen und an Sammlungsobjekte
über die Natur und die Menschen der Schweiz (und der Alpen) zu sammeln. Die “alpinen” Kontakte waren deswegen nicht nur wichtige Quellen zur Scheuchzers Informationsbeschaffung, sondern auch logistische Stützpunkte während seiner
Alpenreisen, die er zwischen 1694 und 1711 fast jährlich unternahm. Mit Scheuchzers Reisetätigkeit kommen wir zu unserem anfänglichen Zitat zurück, das aus dem Bericht
seiner Alpenreise von 1707 stammt. Scheuchzer brach zu einer Reise in den Freistaat der Drei Bünde zusammen mit Jakob Hermann (1678-1733), dem Basler Mathematiker, der eine
Professur in Padua innehatte, und mit weiteren Reisegefährten auf. Die Freunde schifften am Abend des 15. Juli 1707 in Zürich ein. Vorher hatte Scheuchzer angeordnet, dass
daheim täglich – sehr wahrscheinlich dank der Hilfe seiner Frau - Barometer-Messungen stattfinden sollten, damit er sie mit seinen Messungen während der Reise vergleichen
konnte. „Die Höhe des Quecksilbers war an diesem Tage 26 Zoll 3 Linien, die Luft schickte sich nach und nach zum Regnen an.“
Die Reise war von einem unbeständigen Wetter begleitet. Im Pfäferser Bad gönnten sich die Gelehrten einen längeren Aufenthalt, dann setzten sie die Fahrt über Chur
und Thusis ins Rheinwald fort, wo sie sich vorgenommen hatten, die Quellen des Hinterrheins zu untersuchen. „Nachdem wir die Eiß-Hügel, da der hintere Rheyn seinen ersten
Ursprung hat, abgezeichnet hatten, kehrten wir wieder in das Dorff zum Hintern-Rhein zurück.“ Hier stand das Barometer am nächsten Morgen auf 23 Zoll 0 Linien. Der
Luftdruck war geringer als in Zürich und gab so eine Vorstellung vom Höhenunterschied. Die nächsten Stationen, an denen Scheuchzer das Relief der Bergwelt vermass, waren
der San Bernardino-Pass, Mesocco, der Forcola-Pass, Chiavenna und Soglio im Bergell. „Wir hielten uns hier vier Tage lang bey dem Herrn von Salis auf, von welchem wir sehr
viele Freundlichkeit und Gutthaten empfangen haben.“ Angenehmen Umgang hatten sie unter anderem mit dem „Hoch-Edelgebohrnen Herrn Rudolf von Salis, gewesenen Gubernator des
Veltleins“ und mit der „Hoch-Edelgebohrnen Frau Hortensia v. Salis und Gugelberg, deren rare Gelehrtheit in der Gottesgelehrtheit und Naturlehre“ sich weit herumgesprochen
hatte. Beide Adlige kannte Scheuchzer auch von seinem intensiven Briefwechsel, den er seit gut acht Jahren mit Graubünden pflegte. Kürzlich hatten sie sogar die
ersten zwei Jahren seiner Beschreibung der Natur-Geschichten des Schweitzerlands finanziell unterstützt, für die in der Limmatstadt offenbar keine
Ressourcen aufzutreiben waren. Angefangen hatte aber alles im Jahr 1699 als der Naturforscher, wie schon erwähnt, seinen Fragebogen mit einer Einladung zur Korrespondenz drucken und schicken liess -
auch an gebildete Kreise des Dreibünden-Staats. Schon gegen Ende des Jahres erhielt er eine ausführliche Antwort vom reformierten Pfarrer Johannes Leonhardi in
Nufenen, neben Giacomo Picenino seinem ältesten Korrespondenten in Graubünden. Aus der überschwänglichen Replik geht hervor, dass Scheuchzer schon damals an eine Bündner Forschungsreise dachte. Seine Absicht sei es „in Auffsuchung und
Aufflegung der so erstaunliche[n], ja unglaublichen Bergwunderen des Pundterlandts Gott den Schöpfer derselben“ zu preisen und durch Bekanntmachung dieser Wunder auch die
anderen zum schuldigen Gotteslob zu ermuntern. Scheuchzers vielseitiges Forschungsprojekt an der Wende vom Barock zur Aufklärung bildet den Gegenstand der vorliegenden Quellenedition. Das Projekt ist heute
in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung: wissens- und wissenschaftsgeschichtlich, weil es den Aufbruch zu einer systematischeren und erweiterten Praxis der frühneuzeitlichen
Naturforschung markiert; schweizergeschichtlich, weil es den Ruf des Landes vermehrt mit der Bergwelt verband und ins Positive zu wenden versuchte; alpingeschichtlich, weil
es im ganzen Gebirgsbogen eine Pionierrolle beanspruchen konnte. Gleichzeitig werden in vielen Briefen auch politische und konfessionelle Angelegenheiten auf eine
transregionale und transnationale Ebene angesprochen, die diese Korrespondenzen für breitere Forschungskreisen interessant machen. Den Auftakt zur Online-Briefedition Lettres des Grisons macht der Pfarrer Giacomo Picenino, der seit 1679 Pfarrer von Soglio in Bergell
war. Die Korrespondenz zwischen ihm und Scheuchzer begann an einem ungewissen Datum, sehr wahrscheinlich im Jahr 1697, als der Zürcher Arzt sich zu Picenino wandte, um die
Details in Bezug auf die Unterkunft und den Privatunterricht für Piceninos Sohn Antonio zu besprechen. Am 10. Januar 1698 (nach dem julianischen Kalender) kam aus Soglio
die Antwort auf diesen Brief. Am 7. Mai 1698 setzte Giacomo Picenino das Gespräch fort: der Bündner Pfarrer freute sich über die Ankunft seines Sohnes im Scheuchzers Haus und um dessen
Ausbildungszeit bei ihm. Die gesamte Korrespondenz zwischen dem Züricher Arzt und Giacomo Picenino, die teilweise in dieser Edition veröffentlicht wird, enthält alle Themen, die in den
Lettres des Grisons vorkommen: Neben dem gemeinsamen Interesse an der Erforschung der Natur, an der Geschichte der Drei Bünde und an dem
Informationsaustausch (auch von bibliographischen Angaben, was die damalige rege Veröffentlichungstätigkeit des Freistaats bewies), spielte die Diskussion von politischen
und konfessionellen Angelegenheiten eine wichtige Rolle, was das enge Bündnis zwischen Zürich und den Drei Bünden beweist. Teilweise wurden auch medizinische Fragen oder
Fälle, oft in Form von Fernkonsultationen, thematisiert. Diese Edition enthält 274 ausgewählte Briefe und Beilagen aus der Bündner Korrespondenz (Lettres des Grisons), die die Zeit zwischen 1698 und 1731 decken. Sie beziehen sich auf den Fragebogen, auf Scheuchzers Bündner Reisen, auf seine Lehrertätigkeit
und auf seine inoffizielle Rolle als Broker in politischen und konfessionellen Angelegenheiten zwischen der Limmatstadt und den Bünden. Unter den 37 Bündner Korrespondenten
haben wir Briefe von 21 ausgewählt, die für diese Themen von Interesse waren. Es handelt sich um Briefe von Adligen, Pfarrern oder von Mitgliedern der politischen Elite der
Drei Bünde. Wie bei den meisten frühneuzeitlichen Korrespondenzen besteht ein Teil des Reizes in den vielen persönlichen und situativen „Nebenbemerkungen“, die den
Austausch von Gedanken und Gefälligkeiten begleiten – Briefe waren und sind mehr als ein blosser Transfer von Sachinformationen. In dieser Einleitung skizzieren wir
zunächst den Rahmen, in dem sich der Austausch zwischen Graubünden und Zürich, zwischen Berggebiet und Stadt im Mittelland, abspielte. Am Anfang stehen einige biografische
Aspekte.