"Lettres des Grisons": Wissenschaft, Religion und Diplomatie in der Korrespondenz von Johann Jakob Scheuchzer. Eine Edition ausgewählter Schweizer Briefe (1695–1731)
ed. von Simona Boscani Leoni, République des Lettres 2019

„Ich erfahre täglich, wie schwer die Arbeit ist, die ich mir fürgenommen habe, die natürliche Merckwürdigkeiten der Schweiz zu beschreiben. Ich muß immer arbeiten, ich muß zu grossem Nachtheil meiner Hauß-Geschäften, meiner Arzney-Uebung, und mit grossen Unkosten Reisen anstellen; ich muß die Berge besteigen, die Thäler durchwandern, die Kraft aller Elemente empfinden. Hitze, Frost, Regen, Hagel, Wind und oft die wilden Sitten eines in unbezähmter Freyheit lebenden Volcks, andrer Hindernisse zu geschweigen. Allein dieses alles kan mich nicht abschrecken. Meine eigene Begierde, der Beyfall und die Aufmunterung von verschiedenen Königl[ichen] und andern Gesellschaften der Gelahrten, sind mir ein Grund weiters fortzufahren.“

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Der da klagte war der berühmte Arzt und Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733), der im Juli 1707 dabei war, wieder zu einer weiteren Alpenreise aufzubrechen. In dieser Zeit war er zweiter Stadtarzt von Zürich, Kurator der städtischen Kunstkammer und der Bürgerbibliothek und Professor für Mathematik an der wichtigsten Hochschule der Stadt, dem Collegium Carolinum. Scheuchzer war damals ein big player in der Gelehrten Republik und ist bis heute für seine Arbeiten als Naturforscher, als Geologe, als Meteorologe und als Pionier der wissenschaftlichen Reise in die Alpen bekannt. Die wichtigsten Akademien der Epoche verfolgten seine Entdeckungsreisen in die Alpen. Insbesondere war die Royal Society an seinen Beobachtungen und an seinen empirischen Forschungen in den Bergen interessiert: Geologie, Botanik, Zoologie, Mineralogie, Fossilienkunde, wie auch barometrische Messungen und meteorologische Datensammlung standen im Mittelpunkt des Austausches zwischen dem Zürcher Gelehrten und seinen englischen Kollegen.

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Scheuchzers Ziel war eine umfassende Naturgeschichte der alten Eidgenossenschaft zu schreiben, ein Projekt, das neun Bände enthalten sollte. Am Ende seines Lebens konnte er schliesslich nur sechs Bände davon veröffentlichen: Die ersten drei Bände wurden mit dem Titel Beschreibung der Natur-Geschichten des Schweitzerlands gedruckt; der Band IV befasste sich mit der Oberflächengestalt seiner Heimat (Helvetiae stoicheiographia, orographia et oreographia, 1716), der fünfte mit den Seen, Flüssen und Bädern (Hydrographia Helvetiae, 1717) und der letzte mit den Witterungsverhältnissen und den Fossilien (Meteorologia et oryctographia, 1718).
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In seiner Vorrede zu diesem letzten Band teilte Scheuchzer seinen Lesern mit, er plane noch einen Band über die Pflanzen in der Schweiz (auf Latein redigiert) und einen letzten über die „Einwohneren Art, Gesundheit und Krankheiten, und wie denenselben insonderheit zubegegnen durch Mittel, so in dem Land selbst wachsen“ vorzubereiten.
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Zu dieser umfassenden Naturgeschichte der Schweiz, so Scheuchzer, gehörte auch sein Fragebogen, der Einladungsbrief zur Erforschung natürlicher Wunderen, so sich im Schweitzer-Land befinden (Charta invitatoria auf Latein). Dieser enthält ca. 190 Fragen über alle mögliche Aspekte der Naturgeschichte, der Alpwirtschaft wie auch über die Alpenbewohner und ihre Beschaffenheit.
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Fragebogen und Reisen waren die wichtigsten Elemente seiner Strategie, um die möglichst grosse Menge an Informationen, an Beobachtungen und an Sammlungsobjekte über die Natur und die Menschen der Schweiz (und der Alpen) zu sammeln.
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Die “alpinen” Kontakte waren deswegen nicht nur wichtige Quellen zur Scheuchzers Informationsbeschaffung, sondern auch logistische Stützpunkte während seiner Alpenreisen, die er zwischen 1694 und 1711 fast jährlich unternahm. Mit Scheuchzers Reisetätigkeit kommen wir zu unserem anfänglichen Zitat zurück, das aus dem Bericht seiner Alpenreise von 1707 stammt. Scheuchzer brach zu einer Reise in den Freistaat der Drei Bünde zusammen mit Jakob Hermann (1678-1733), dem Basler Mathematiker, der eine Professur in Padua innehatte, und mit weiteren Reisegefährten auf. Die Freunde schifften am Abend des 15. Juli 1707 in Zürich ein. Vorher hatte Scheuchzer angeordnet, dass daheim täglich – sehr wahrscheinlich dank der Hilfe seiner Frau - Barometer-Messungen stattfinden sollten, damit er sie mit seinen Messungen während der Reise vergleichen konnte. „Die Höhe des Quecksilbers war an diesem Tage 26 Zoll 3 Linien, die Luft schickte sich nach und nach zum Regnen an.“

Die Reise war von einem unbeständigen Wetter begleitet. Im Pfäferser Bad gönnten sich die Gelehrten einen längeren Aufenthalt, dann setzten sie die Fahrt über Chur und Thusis ins Rheinwald fort, wo sie sich vorgenommen hatten, die Quellen des Hinterrheins zu untersuchen. „Nachdem wir die Eiß-Hügel, da der hintere Rheyn seinen ersten Ursprung hat, abgezeichnet hatten, kehrten wir wieder in das Dorff zum Hintern-Rhein zurück.“ Hier stand das Barometer am nächsten Morgen auf 23 Zoll 0 Linien. Der Luftdruck war geringer als in Zürich und gab so eine Vorstellung vom Höhenunterschied. Die nächsten Stationen, an denen Scheuchzer das Relief der Bergwelt vermass, waren der San Bernardino-Pass, Mesocco, der Forcola-Pass, Chiavenna und Soglio im Bergell. „Wir hielten uns hier vier Tage lang bey dem Herrn von Salis auf, von welchem wir sehr viele Freundlichkeit und Gutthaten empfangen haben.“ Angenehmen Umgang hatten sie unter anderem mit dem „Hoch-Edelgebohrnen Herrn Rudolf von Salis, gewesenen Gubernator des Veltleins“ und mit der „Hoch-Edelgebohrnen Frau Hortensia v. Salis und Gugelberg, deren rare Gelehrtheit in der Gottesgelehrtheit und Naturlehre“ sich weit herumgesprochen hatte.

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Beide Adlige kannte Scheuchzer auch von seinem intensiven Briefwechsel, den er seit gut acht Jahren mit Graubünden pflegte. Kürzlich hatten sie sogar die ersten zwei Jahren seiner Beschreibung der Natur-Geschichten des Schweitzerlands finanziell unterstützt, für die in der Limmatstadt offenbar keine Ressourcen aufzutreiben waren.
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Angefangen hatte aber alles im Jahr 1699 als der Naturforscher, wie schon erwähnt, seinen Fragebogen mit einer Einladung zur Korrespondenz drucken und schicken liess - auch an gebildete Kreise des Dreibünden-Staats. Schon gegen Ende des Jahres erhielt er eine ausführliche Antwort vom reformierten Pfarrer Johannes Leonhardi in Nufenen, neben Giacomo Picenino seinem ältesten Korrespondenten in Graubünden.
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Aus der überschwänglichen Replik geht hervor, dass Scheuchzer schon damals an eine Bündner Forschungsreise dachte. Seine Absicht sei es „in Auffsuchung und Aufflegung der so erstaunliche[n], ja unglaublichen Bergwunderen des Pundterlandts Gott den Schöpfer derselben“ zu preisen und durch Bekanntmachung dieser Wunder auch die anderen zum schuldigen Gotteslob zu ermuntern.
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Scheuchzers vielseitiges Forschungsprojekt an der Wende vom Barock zur Aufklärung bildet den Gegenstand der vorliegenden Quellenedition. Das Projekt ist heute in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung: wissens- und wissenschaftsgeschichtlich, weil es den Aufbruch zu einer systematischeren und erweiterten Praxis der frühneuzeitlichen Naturforschung markiert; schweizergeschichtlich, weil es den Ruf des Landes vermehrt mit der Bergwelt verband und ins Positive zu wenden versuchte; alpingeschichtlich, weil es im ganzen Gebirgsbogen eine Pionierrolle beanspruchen konnte. Gleichzeitig werden in vielen Briefen auch politische und konfessionelle Angelegenheiten auf eine transregionale und transnationale Ebene angesprochen, die diese Korrespondenzen für breitere Forschungskreisen interessant machen.
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Den Auftakt zur Online-Briefedition Lettres des Grisons macht der Pfarrer Giacomo Picenino, der seit 1679 Pfarrer von Soglio in Bergell war. Die Korrespondenz zwischen ihm und Scheuchzer begann an einem ungewissen Datum, sehr wahrscheinlich im Jahr 1697, als der Zürcher Arzt sich zu Picenino wandte, um die Details in Bezug auf die Unterkunft und den Privatunterricht für Piceninos Sohn Antonio zu besprechen. Am 10. Januar 1698 (nach dem julianischen Kalender) kam aus Soglio die Antwort auf diesen Brief.
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Am 7. Mai 1698 setzte Giacomo Picenino das Gespräch fort: der Bündner Pfarrer freute sich über die Ankunft seines Sohnes im Scheuchzers Haus und um dessen Ausbildungszeit bei ihm.
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Die gesamte Korrespondenz zwischen dem Züricher Arzt und Giacomo Picenino, die teilweise in dieser Edition veröffentlicht wird, enthält alle Themen, die in den Lettres des Grisons vorkommen: Neben dem gemeinsamen Interesse an der Erforschung der Natur, an der Geschichte der Drei Bünde und an dem Informationsaustausch (auch von bibliographischen Angaben, was die damalige rege Veröffentlichungstätigkeit des Freistaats bewies), spielte die Diskussion von politischen und konfessionellen Angelegenheiten eine wichtige Rolle, was das enge Bündnis zwischen Zürich und den Drei Bünden beweist. Teilweise wurden auch medizinische Fragen oder Fälle, oft in Form von Fernkonsultationen, thematisiert. Diese Edition enthält 274 ausgewählte Briefe und Beilagen aus der Bündner Korrespondenz (Lettres des Grisons), die die Zeit zwischen 1698 und 1731 decken. Sie beziehen sich auf den Fragebogen, auf Scheuchzers Bündner Reisen, auf seine Lehrertätigkeit und auf seine inoffizielle Rolle als Broker in politischen und konfessionellen Angelegenheiten zwischen der Limmatstadt und den Bünden. Unter den 37 Bündner Korrespondenten haben wir Briefe von 21 ausgewählt, die für diese Themen von Interesse waren. Es handelt sich um Briefe von Adligen, Pfarrern oder von Mitgliedern der politischen Elite der Drei Bünde.
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Wie bei den meisten frühneuzeitlichen Korrespondenzen besteht ein Teil des Reizes in den vielen persönlichen und situativen „Nebenbemerkungen“, die den Austausch von Gedanken und Gefälligkeiten begleiten – Briefe waren und sind mehr als ein blosser Transfer von Sachinformationen. In dieser Einleitung skizzieren wir zunächst den Rahmen, in dem sich der Austausch zwischen Graubünden und Zürich, zwischen Berggebiet und Stadt im Mittelland, abspielte. Am Anfang stehen einige biografische Aspekte.

Johann Jakob Scheuchzer

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war der älteste Sohn des gleichnamigen Stadtarztes und der Barbara Fäsi, Tochter des Rektors der Lateinschule.
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Schon als Dreijähriger eingeschult, verbrachte er nicht weniger als siebzehn Kinder- und Jugendjahre in den Zürcher Bildungsstätten. Demgegenüber nahm sich seine zweijährige Universitätszeit in Altdorf bei Nürnberg und im holländischen Utrecht (1692-1694) kurz aus. Er sollte sich dort auf Medizin konzentrieren und promovierte in diesem Fach, interessierte sich aber für viele weitere Gebiete, wie Mathematik, Astronomie und Naturphilosophie. Sein breites Interesse wiederspiegelt sich in seinem umfangreichen Werk: In den vier Jahrzehnten seines aktiven Gelehrtenlebens veröffentlichte er ungefähr 150 Schriften, und nach seinem Tod erschienen weitere Neu- und Nachdrucke. Dazu kam ein handschriftlicher Nachlass von gut 200 oft mehrbändigen Manuskripten.
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Sein Arbeitseifer war weitherum bekannt und wurde etwa in seinem Nekrolog von 1733 mehrfach vom Autor, seinem Schüler Louis Bourguet (1678-1742), betont.
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Laut Nekrolog war Scheuchzer von schmaler Gestalt und mittlerer Grösse, im Gesicht gezeichnet von Pockennarben, aber mit feinen Zügen. Seine Frau Susanna Vogel kam aus einer Ratsherren- und Wirtsfamilie. Im August 1698, zehn Monate nach ihrer Vermählung, gebar sie ein nicht lebensfähiges Töchterchen; bis 1714 folgten acht weitere Kinder, von denen allerdings nur die Hälfte das Erwachsenenalter erreichte.
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Das junge Paar wohnte zuerst im Niederdorf und bezog dann das Haus „zur Lerche“ hinter dem Grossmünster. Hier breiteten sich Scheuchzers Naturaliensammlung und Privatbibliothek mehr und mehr aus. „In einem Zimmer ist eine kleine Apotheque nach hiesigem Gebrauch derer Medicorum [der Ärzte] zum recipiren, weil jeder Medicus selbst Medicamenta ausgiebet“, beobachtete ein Besucher 1730. „In einem andern ein Theil der Bibliotheque, welche zwar in guten, aber übelgewarteten und nur in grau Papier gehefteten Büchern bestehet, so nicht verticaliter, sondern horizontaliter unter und übereinander liegen, dass mich wundere, wie der Mann dieselben finden und nutzen kann.“ Der Rest der Bücher befinde sich im Vorhaus, während eine kleine Kammer mit den Manuskripten und Briefen gefüllt sei.
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Wie viele seiner Kollegen pflegte Scheuchzer zudem einige Schüler in sein Haus aufzunehmen, um die bescheidenen Einkünfte aufzubessern. Er litt häufig unter finanziellen Engpässen und versuchte sogar mehrmals seine geliebte Sammlung oder Teile davon zu verkaufen. Bourguet hob auch seinen ausgedehnten Briefwechsel hervor und führte gleich eine grosse Zahl von prominenten Korrespondenten namentlich an. Ferner nannte er die Akademien, die ihn mit einer Mitgliedschaft beehrt hatten, darunter die kaiserliche Leopoldina, die Royal Society in London, die Preussische Akademie der Wissenschaften in Berlin und die Accademia degli Inquieti in Bologna.
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Seine Karriere in Zürich war aber sehr zögerlich: 1695 wurde er zum zweiten Stadtarzt ernannt, 1710 konnte er Mathematik am Collegium Carolinum und am Collegium publicum lehren, aber die langersehnte Professur für Physik und den Chorherrentitel bekam er erst 1733 kurz vor seinem Tod. Wenn Scheuchzer in Europa sehr berühmt und geschätzt war, stiess er daheim jedoch immer wieder auf Ablehnung, Zurücksetzung und Zensur. Die kirchliche Hierarchie der Zwinglistadt schaute nicht nur argwöhnisch auf seine Wissenschaft, welche die offizielle Lehre über das Universum und die Stellung des Menschen in Frage stellen konnte. Es gab auch Probleme mit seiner religiösen Haltung. Tatsächlich war Scheuchzer ausgesprochen interessiert an theologischen Themen. Sein Wirken wird in der Forschung der Physikotheologie zugerechnet, die vor allem in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts aufkam und die äussere Natur für religiöse Fragen aufwertete. Bezeichnend dafür ist sein letztes grosses Werk mit dem sprechenden Titel Kupfer-Bibel, in welcher die Physica Sacra oder Geheiligte Natur-Wissenschaft derer in Heil[igen] Schrift vorkommenden Natürlichen Sachen deutlich erklärt [wird]. Das mit Kupferstichen reich illustrierte Werk (daher „Kupfer-Bibel“) war ein naturwissenschaftlicher Kommentar zur Heiligen Schrift und zeigte, wie die religiösen und wissenschaftlichen Wahrheiten konvergieren könnten. Besonderes Interesse galt dabei der Sintflut: Mit den Versteinerungen und Fossilien, wie er sie nicht zuletzt in den Bergen fand, meinte er dieses epochemachende biblische Ereignis erhellen zu können. Scheuchzer war ein wichtiger Vertreter der Diluvialtheorie auf dem Kontinent: Diese Theorie interpretierte die Sintflut als einen fundamentalen Wendepunkt für die geologische Erdgeschichte, und ihre Auslegung war eine brisante Angelegenheit des wissenschaftlichen Diskurses der Epoche.
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Nach Scheuchzers Deutung waren die neuen Funde von Petrefakten in den Gebirgen organischen Ursprungs und sie bildeten den Hauptbeweis für die Ähnlichkeit der Welt vor und nach dem Diluvium und für die Wahrheit der biblischen Geschichte. Die Gestalt der Erde, mit ihrer Unregelmässigkeit, besonders die der Berge und die Natur mit ihrer Wildnis konnten deswegen nicht mehr als ein Zeichen für die Strafe Gottes wahrgenommen werden, sondern waren eher als ein Bestandteil der göttlichen Vorsehung zu interpretieren. Entgegen der pessimistischen These anderer Naturforscher, galt die Sintflut als „Ausdruck der gottgewollten Harmonie der Natur“.
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Dank der Diluvialtheorie konnte Scheuchzer die Genesis wissenschaftlich beweisen sowie eine positive Neubewertung der Gebirge, der schweizerischen Alpen und ihrer Umwelt anbieten. Um diese neue positive Deutung zu untermauern, wurden die Berge und ihre Nützlichkeit ausführlich in den Natur-Geschichten und in der Natur-Histori des Schweitzerlands in Betracht genommen: „ [...] auf der Erden zeigen vornehmlich die grosse Weißheit des Schöpfers an die grosse und erhobene Theile derselben, ich wil sagen, die Berge, welche an sich etwas prächtiges haben, einen grossen Werkmeister anzeigen, und selbst die übercörperliche Grösse unsers Gemüths zu verstehen geben, welches dieselben, und auch den Himmel mit seinem Cörpern, in gewissem Verstand, fassen mag. [...] So daß der Mühe wohl werth, ja eine mir obliegende Schuldigkeit ist, der helvetischen Gebirgen Gestalt und Althertum, oder ersten Ursprung zu erforschen, und in unsern Bergen, gleich als in einem Spiegel, Gottes Gerechtigkeit und Güte, denen Einwohnern zu zeigen.“
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Durch die Entdeckung der Fossilien konnte man die Welt vor und nach diesem Ereignis als gleichartig wahrnehmen: da die Berge auch vor der Sintflut existierten, wurden die Alpen (und ihre wilde Natur im Besonderen) in Scheuchzers Diskurs zum Zeichen von Gottes Segen. 1708 erschien das Pamphlet Piscium querelae et vindiciae, in dem er sein Bekenntnis zum Diluvialismus klar ablegte.
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Scheuchzers Naturforschung war zugleich physikotheologisch und patriotisch orientiert. Indem er versuchte, die „wilde“ Natur als positiven Teil von Gottes Schöpfung und als indirekten Beweis von Gottes Existenz und Gottes Vorsehung darzustellen, konnte er auch die Schweiz als ein von Gott gesegnetes Land sehen. Er wurde damit zu einem Wegbereiter des neuen Landschaftsgefühls, der erwachenden Leidenschaft für wilde Landschaften, welche die Kultur der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts so entschieden zu prägen vermochte.