"Lettres des Grisons": Wissenschaft, Religion und Diplomatie in der Korrespondenz von Johann Jakob Scheuchzer. Eine Edition ausgewählter Schweizer Briefe (1695–1731)
ed. von Simona Boscani Leoni, République des Lettres 2019

Biographische Angaben

Ambros Müller (1679-1738) wurde 1679 in Rapperswil (Kanton Sankt Gallen) geboren. Er starb 1738 in Pfäfers. Der Benediktiner wurde ab 1703 zum Priester zum ernannt und studierte ab 1707 in Salzburg. Nach 1710 war er in Pfäfers tätig: zuerst als Novizenmeister, dann als Statthalter in Pfäfers und Ragaz, 1716 war er Pfarrer in Ragaz, 1725 wurde er zum Abt der Abtei Pfäfers gewählt. Der Luzerner Nuntius Domenico Silvio Passionei (1682-1761), ein weiterer Korrespondent von Scheuchzer, bestätigt am 15. Juli die Wahl. Während seiner Amtszeit kam es zu einem langjährigen Streit mit den acht eidgenossischen Schirmorten, da Zürich die Rechte und Privilegien des Klosters nicht mehr bestätigen wollte. 1734 wurde der Zürcher Chorherr Johannes Scheuchzer, Bruder von Johann Jakob, mit der Prüfung der Pfäferser Urkunden beauftragt. Das Ergebnis dieser Prüfung war für Pfäfers nicht besonders günstig. 1735 erneuerte Kaiser Karl VI. die Pfäferser Privilegien und sieben Jahre später (1742) endete die Auseinandersetzung, ohne dass eine Lösung gefunden worden wäre.

Briefwechsel mit Scheuchzer

Forschungsliteratur

Müller an Scheuchzer, 15.06.1723

Hochwerthister Herr, und Patron! Nachdeme/ von Ihro Excellenz ohnwergleichlicher geschikhtlig-/keit, und Experienz schon, so vill Ruhmwürdigistes/ ich gehört; Alls habe mich erfrechen dörffen, Dero/ hoche Judicio beÿligenden casum vorzulegen, mit/ gehorsamster bitt, darüber zu reflectieren, ob, und/ wie dem übel möchte abzuhellffen seÿn? Der/ Patient lebet vitam à potiori sedentariam, ist/ mit studijs, und ander solchen geschäfften zimmlich/ occupiert; Die er zwar nit khan beÿseÿts legen;/ also nit im stand dermahlen eine Cur zubrauchen Die ihme an seinen occupationibus verhinderlich:/ bittet Derohalben nur, ob ihme mit etwas solchem/ khönte geholffen werden, das Er darneben noch seinen/ geschäfften möchte abwarthen, oder wie lang er von solchen/ sich enthallten müsste; auch wie will die die Cura/ ohngefähr khosten thätte? Dan er nit seines gewalts./ Ihro Excellenz werden in disem ein grosses werkh/ Der barmhertzikeit üben, unnd der Patient sich/ ohnsterblich höchst verobligiret erkhennen. Da/ ich mit all- schuldigster Veneration underdessen lebe

ID 18229

Scheuchzer an Müller, 18.06.1723

Auf dem von Ew. Ehrw. übersendten Casu ersehe/ das der patient von gar keiner Zeit her sonderlich à vita se/dentaria gesamlet scharfe und jähe früchtigkeiten welche/ sich besonderer durch die glandulas membranae pituitariae/ in nares terminata auslahm und selbige in eine excoriation/ bringen. Er kan die für wol eingerichtet werden, dass denen/ geschäffen dardurch ein abbruch gesehehen./ Innerlich ist der geblüt notwendig zu reinigen, zu verdünneren,/ zu versüesen die medicamenta können aus begehren, weil Proin/ periculum in mora übersendet werden. Auserlich vermeileten/ dienlich sein ad derivationem materiae ein gut vesicatoriam/ in nucka oder hinder den ohren die fontanelle thun gut ich/ würde aber lieber die einte stehen in dem fuss, wegen/ mehrere diversion, der tabakrauch ist auch dienlich mit/ Reispulveren muss man nit zu streng sein weilen das or-/ganum olfactus zu stark angegrifen das haupt erschüteret/ und der fluss nur herzu gezogen wird. Dann und von kann/ wol ein sternutatis procurieret werden beÿ beschwerden/ haupt durch die flores Liliorum convallium pulverisatos/ zum schnupfen oder innewendigen application an die nasen/ recommendiere mitkommendes pulver trocken oder in turne-/dis so angefeüchtet werden mit dem saft von den scrophu-/laria oder dem weisten vom Ey. zu gleichen intent kann/ dienen Gentianae pulvis entelein pfefers in der Nähr/coleii meiner nun ist nur dienlich dises waser so wol/ innerlich als auserlich zum schnupfen. Den erfolg bitte/ zu benachrichten. verbleibe

ID 18230

Müller an Scheuchzer, 22.06.1723

Mein Hochwerthister Herr und Patron! Pro Cla-/rissimâ transcripti casûs resolutione, wie auch beÿ-/gelegtes Pulver, erstatte underdessen, bis auoff dankh-/bahriste bezahlung, wiewohl nit gnugsamen, doch/ höchstmöglichisten Dankh, mit abermahlig-gehorsamst/ Bitt, 1 Wie eben dises Pulver zugebrauchen? Ob/ zuschnupfen? oder in den Magen einzunemmen? Unnd/ wie offt? oder wie will auff einmahl? Dan ich solches/ wegen meiner ohngschikhtligkeit aus dem brieff nit/ abnemmen khönnen. 2 ob nit das vesicatorium hinder/ Den ohren wüorde mögen gesechen werden, oder eine/ merkliche maasen hinderlassen? So mir, der ich/ der Patient selbst bin, wegen geschornem kopff nit wohl anständig. 3tiò belangend die S[alva]V[enia] fontanellen,/ Wollte ich gern die einte lassen auff den fuess setzen, wan/ ich nur weiss, auf welchen? und wozu gegen? Wirdt/ ia durch verschliessung der einten auff dem armb, khein/ übel zu beförchten seÿn? 4 tabac hab ich kheinen/ gerauchet (sonder schnupfe nur) khönnte auch solchen./ Wegen daraus entstehend – und sonst habenden allzu-/grossen schwachheit des haupts noch jez zur zeit nit gedul-/den. Niess-tabac hab ich von langer zeit hero auch/ kheinen mehr gebraucht. Gentian-Pulver wirdt aus der/ Apothec, oder von Ihro Excellenz zubekhommen seÿn. Soll/ es noch neben anderem schnupf-pulver gebraucht werden?/ 5 Unser Pfeffers-wasser betreffend, hab ich solches/ mehrmahlen im Closter, unnd beÿ der quellen getrunken, und geschnupffet, sambt dem stillicidio; allein/ khein sonderlichen effect jemahlen verspühret,/ alls das es mir einstes auff gar lang – unnd/ villes schnüpffen rechter seÿts der nasen vill schwartz-blu-/tige materi gezogen; so vill monath hindurch/ Währete, unnd aber nur ein böses phlegma/ aus dem geblüt muss gewesen seÿn, massen/ sich solches nach unnd nach verlohren, unnd durch in den/ Magen eingenommenes krebs-augen-pulver/ gänzlich aufftröchnen lassen. Nach disem hat sich/ der mucus bis noch jetzund auff rechter seÿten der/ Nasen allzeit saüberer, alls auff linkher seÿten/ erzeiget. Ich hab vor disem auch andere starkhe/ liquores schnüpfen müssen sonderlich aus Rath eines gewüssen Herren Medici, vill ungarischwasser (weilen Er/ vermeinte, es wäre ein ozoena [ozaena], so aber andere herren/ Medici widersprochen, weilen ich einmahlen einigen schmertzen/ verspührte). Aus welchem so starkhem schnupfen dan/ villeicht erfolget, das was sonst das haupt stärkhen sollte/ mir jezunder zu vehement, unnd nur mehrere schwachheit,/ unnd confusion verursachet. Vor 3. Jahren hab ich/ von gross damahl getrunkhenem baadwasser in dem/ leib grosse alt hitz verspühret, und circa præcordia ein/ schmertzhafftes khlimmen, unnd stechen, so etlich wochen wäh-/rete, endtlich sich setzte, meistens auf einige glass-/voll täglich getrunkhenen saurbronnen S. Maurizen, so/ mich wider trefflich abküehlte (sonsten hab ich noch/ ein – unnd ander mahl gantze sauerbronnen-Curen gemacht,/ so mir in dem leib zimmlich wohl machten; in dem haupt / aber, unnd nasen kheine er besserung, so vill ich merkhte,/ versursachten). förchte allso, unser baadwasser möchte/ mir widerumb zustarkh, und zu hitzig seÿn. Ich bin/ vor 3. Jahren, khurzweÿl halber, nur eine stund lang/ in das baad gesessen, hab gleich dahero in dem Ruggen/ auff 2-3-täg lang grossen schmertzen empfunden. Darneben/ khan ich sonst nichts von hitzigen Medicamentis, speis, unnd trankh, nichts von sauer- unnd rauwen etc. sachen erleÿden/ ertragen, verursachen mir in dem haupt, wie schon neü-/lich verdeüthet, gross – und lange blödigkeit. Wan/ aber vor solchen dingen mich wohl schone, khan ich/ in meinen studiis, unnd zimmlicher geschäfften zimmlicher/ massen fortkhommen. Eins sonderbar wollen Ihro/ Excellenz erlauben zufragen: woher khombts, das/ wan ich zu nachts nit mit gantz verschlossener nasen/ schlaffe, ich alls dan des tags gl in dem haupt gantz/ blöd, confus, ohne gedächtnus, zu all- meinen func-/tionen nichts nutz bin? Vielleicht von allsdan in der/ Nasen völlig aufftrochenend-und zusamen bachender/ materj? (welches zwar in der Jugend mir noch/ khein blödigkheit in dem haupt verursachte; allein/ War ich dazumahlen auch noch nit gewohnt, mit ver-/schlossener nasen zuschlaffen, wie jetzund; und allso/ vel unica interruptio consuetudinis solche altera-/tion verursachen dörffte) oder weilen allsdan/ Die hitzen gar zu starkh in das haupt schlagen? oder von gar üblen Dämpffen des Magens, welche, wan die/ nasen nit verschlossen, nit khönnen durch den Mund expi-/rieren, sonder in das haupt hinauffschlagen? Ge-/wüsslich, je mehr die Nasen beÿ tag, unnd sonderlich / beÿ nacht verschlossen, ie mehr purificiert sich die/ Dikhe grüner Materj, unnd verliehrt umb etwas/ den üblen geruch. Ob aber dises allein durch den Mund/ athem- schöpffen der brust, oder anderen innerlichen theilen/ etwas schaden möchte, weiss ich nit; diss allein erfahre/ ich, das ich danachen alle morgen den Mund voller schleim/ habe mit blutiger farb, wie auch die saliva .

Second paragraph omitted.

1 paragraphs omitted.

ID 18231