"Lettres des Grisons": Wissenschaft, Religion und Diplomatie in der Korrespondenz von Johann Jakob Scheuchzer. Eine Edition ausgewählter Schweizer Briefe (1695–1731)
ed. von Simona Boscani Leoni, République des Lettres 2019

Forschung über Scheuchzer und Editionen seiner Korrespondenz

Die historische Forschung zu Scheuchzer setzte früh ein und hat sich seit einiger Zeit stark intensiviert. Rudolf Steiger (1927) erforschte die erste Lebenshälfte und erschloss mit Verzeichnissen den überlieferten Nachlass (1933). Von Hans Fischer (1973) stammt eine Fortsetzung der Biografie unter wissenschaftsgeschichtlichen Aspekten.

84
Mit dem steigenden Interesse an kultur- und wissensgeschichtlichen Fragen haben in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von Autoren und Autorinnen aufschlussreiche Beiträge vorgelegt. Michael Kempe hat sich intensiv Scheuchzers Rolle als Vertreter der Diluvialtheorie angenommen und sich mit seinen Korrespondenznetzwerken auseinandergesetzt
85
; Urs B. Leu (der jüngst Scheuchzers Bibliothekskatalog veröffentlicht hat), François Ellenberger und Jean Gaudant haben sich stark mit den geologischen Fragen beschäftigt.
86
Claude Reichler, Christophe Gros, Annette Bouheiry und Martin Korenjak haben sich besonders auf Scheuchzer als “Entdecker der Alpen” und die Rolle seines Werkes für die Entwicklung eines positiven Bildes der wilden Natur konzentriert.
87
Die patriotische Interpretation der Alpen als identitätsstiftendes Element der Schweizer Geschichte wurde besonders von Guy P. Marchal und Thomas Maissen in Betracht gezogen.
88
Die Physica sacra ist dagegen das Hauptthema der Arbeiten von Irmgard Müsch, Robert Felfe, Marion Keuchen, Andreas Kühne und Jochen Hesse, die das Werk aus einer kultur-, und kunsthistorischen oder anthropologischen Perspektive unter die Lupe genommen haben.
89
Kaspar von Greyerz und seine Mitarbeitenden (Silvia Flubacher und Philipp Senn) haben die Kontinuitäten zwischen Scheuchzer und seinem Vorgängern, dem Arzt und Naturforscher Johann Jakob Wagner (1641-1695), analysiert sowie Scheuchzers physikotheologischen Ansatz, die Rolle von Tieren in seinem Werk, wie auch seine balneologischen Forschungen.
90
Monika Gisler hat die Rolle Scheuchzers als Erdbebenforscher untersucht und die Dissertation von Dunja Bulinsky hat die Forschungspraxis des Gelehrten und auf die Rolle seiner Familie und seiner Schüler fokussiert.
91
Fragen nach Scheuchzers Praktiken der Erforschung der Alpen und seine Informationsbeschaffung durch seinen Fragebogen und die Korrespondenz stehen im Mittelpunkt der Arbeiten von Simona Boscani Leoni.
92
Scheuchzer als Mediziner und Theoretiker des Heimwehs wurde von Urs-Peter Beerli, Jakob Büchi, Franz Mauelshagen und Marion Baumann untersucht.
93
Scheuchzers Eklektik und Physikotheologie wurden in den letzten Jahren auch von Paola Giacomoni, Paul Michel und Hanspeter Marti erforscht.
94
Gelegentlich wurde in diesen Untersuchungen die allgemein historische Frage aufgeworfen, ob man den Zürcher Gelehrten mehr dem Barock oder mehr der Aufklärung zurechnen sollte. Für beide Versionen gibt es triftige Argumente.
95

Die Korrespondenz von Scheuchzer zog schon früh das Interesse der Wissenschaft auf sich. Ausser der Edition von Marie-Louise Portmann (1964), die die gesamte Korrespondenz zwischen dem Zürcher Gelehrten und seinem Kollegen, dem Basler Arzt und Universitätsprofessor Theodor III. Zwinger (1658-1724), umfassten die älteren Editionen in der Regel wenige Briefe, oft von oder an Berühmtheiten. Beispielhaft sind die Artikel von Johann Jakob Horner (Leibniz), Maria Cochetti (Domenico Passionei), Luigi Belloni (Giovan Battista Morgagni und Hermann Boerhaave), Peter Kurmann (Antonio Vallisneri, Louis Bourguet, Scipione Maffei) und Rosa Schudel-Benz (Laurenz Zellweger, Arzt und Schüler von Scheuchzer; eine Korrespondenz, die von Bärbel Schnegg erforscht wurde).

96

Briefe von Scheuchzer befinden sich auch in der Bernoulli Online-Edition der Universität Basel. Er stand in Kontakt mit: Daniel I. (1770-1782), Jakob I. (1654-1705), Johann I. (1667-1748), Johann II. (1710-1790), Nikolaus II. (1695-1726) und mit Jakob Hermann (1678-1733): https://www.ub.unibas.ch/bernoulli/index.php/Hauptseite

Scheuchzer-Briefe wurden auch in der Antonio Vallisneri-Edition katalogisiert: http://www.vallisneri.it/micheli.shtml

Mit der Bündner Korrespondenz wird erstmals ein regionaler Briefbestand veröffentlicht, der Aufschluss über die Interaktion von „lokalem“ und „globalem“ Wissen geben kann.