Forschung über Scheuchzer und Editionen seiner Korrespondenz
Die historische Forschung zu Scheuchzer setzte früh ein und hat sich seit einiger Zeit stark intensiviert. Rudolf Steiger (1927) erforschte die erste Lebenshälfte und erschloss mit
Verzeichnissen den überlieferten Nachlass (1933). Von Hans Fischer (1973) stammt eine Fortsetzung der Biografie unter wissenschaftsgeschichtlichen Aspekten. Mit dem steigenden Interesse an kultur- und wissensgeschichtlichen Fragen haben in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von Autoren und Autorinnen aufschlussreiche Beiträge
vorgelegt. Michael Kempe hat sich intensiv Scheuchzers Rolle als Vertreter der Diluvialtheorie angenommen und sich mit seinen Korrespondenznetzwerken auseinandergesetzt; Urs B. Leu (der jüngst Scheuchzers Bibliothekskatalog veröffentlicht hat), François Ellenberger und Jean Gaudant haben sich stark mit den geologischen Fragen
beschäftigt. Claude Reichler, Christophe Gros, Annette Bouheiry und Martin Korenjak haben sich besonders auf Scheuchzer als “Entdecker der Alpen” und die Rolle seines Werkes für die
Entwicklung eines positiven Bildes der wilden Natur konzentriert. Die patriotische Interpretation der Alpen als identitätsstiftendes Element der Schweizer Geschichte wurde besonders von Guy P. Marchal und Thomas Maissen in Betracht
gezogen. Die Physica sacra ist dagegen das Hauptthema der Arbeiten von Irmgard Müsch, Robert Felfe, Marion Keuchen, Andreas Kühne und Jochen Hesse, die das
Werk aus einer kultur-, und kunsthistorischen oder anthropologischen Perspektive unter die Lupe genommen haben. Kaspar von Greyerz und seine Mitarbeitenden (Silvia Flubacher und Philipp Senn) haben die Kontinuitäten zwischen Scheuchzer und seinem Vorgängern, dem Arzt und Naturforscher
Johann Jakob Wagner (1641-1695), analysiert sowie Scheuchzers physikotheologischen Ansatz, die Rolle von Tieren in seinem Werk, wie auch seine balneologischen Forschungen. Monika Gisler hat die Rolle Scheuchzers als Erdbebenforscher untersucht und die Dissertation von Dunja Bulinsky hat die Forschungspraxis des Gelehrten und auf die Rolle
seiner Familie und seiner Schüler fokussiert. Fragen nach Scheuchzers Praktiken der Erforschung der Alpen und seine Informationsbeschaffung durch seinen Fragebogen und die Korrespondenz stehen im Mittelpunkt der
Arbeiten von Simona Boscani Leoni. Scheuchzer als Mediziner und Theoretiker des Heimwehs wurde von Urs-Peter Beerli, Jakob Büchi, Franz Mauelshagen und Marion Baumann untersucht. Scheuchzers Eklektik und Physikotheologie wurden in den letzten Jahren auch von Paola Giacomoni, Paul Michel und Hanspeter Marti erforscht. Gelegentlich wurde in diesen Untersuchungen die allgemein historische Frage aufgeworfen, ob man den Zürcher Gelehrten mehr dem Barock oder mehr der Aufklärung zurechnen
sollte. Für beide Versionen gibt es triftige Argumente.
Die Korrespondenz von Scheuchzer zog schon früh das Interesse der Wissenschaft auf sich. Ausser der Edition von Marie-Louise Portmann (1964), die die gesamte Korrespondenz
zwischen dem Zürcher Gelehrten und seinem Kollegen, dem Basler Arzt und Universitätsprofessor Theodor III. Zwinger (1658-1724), umfassten die älteren Editionen in der Regel wenige
Briefe, oft von oder an Berühmtheiten. Beispielhaft sind die Artikel von Johann Jakob Horner (Leibniz), Maria Cochetti (Domenico Passionei), Luigi Belloni (Giovan Battista
Morgagni und Hermann Boerhaave), Peter Kurmann (Antonio Vallisneri, Louis Bourguet, Scipione Maffei) und Rosa Schudel-Benz (Laurenz Zellweger, Arzt und Schüler von Scheuchzer; eine
Korrespondenz, die von Bärbel Schnegg erforscht wurde).
Briefe von Scheuchzer befinden sich auch in der Bernoulli Online-Edition der Universität Basel. Er stand in Kontakt mit: Daniel I. (1770-1782), Jakob I. (1654-1705), Johann I.
(1667-1748), Johann II. (1710-1790), Nikolaus II. (1695-1726) und mit Jakob Hermann (1678-1733): https://www.ub.unibas.ch/bernoulli/index.php/Hauptseite
Scheuchzer-Briefe wurden auch in der Antonio Vallisneri-Edition katalogisiert: http://www.vallisneri.it/micheli.shtml
Mit der Bündner Korrespondenz wird erstmals ein regionaler Briefbestand veröffentlicht, der Aufschluss über die Interaktion von „lokalem“ und „globalem“ Wissen geben kann.